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Rückkehr in den Beruf nach Krankheit oder Unfall

Banner: Artikel zu verschiedenen Aspekten der beruflichen Rehabilitation
Abklärung der
beruflichen Eignung
Mit Unterstützung der Berufsförderungswerke
gelingt ein beruflicher Neustart nach Krankheit oder Unfall.

Fokusthema: Orthopädische Erkrankungen

Schon immer stellten orthopädische Erkrankungen die häufigsten Bewilligungsgründe für Bildungsleistungen auf Grundlage von Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA) dar. Wer auf Grund dessen eine Umschulung in einem Berufsförderungswerk macht, profitiert also von jahrzehntelanger Erfahrung im professionellen Umgang mit Betroffenen. „Unsere Teilnehmer lernen, mit ihren Leiden zu leben und zu arbeiten“, sagt der Leiter des ärztlichen Dienstes im BFW Dortmund, Prof. Dr. Andreas Weber. „Der Teilnehmer hat vieles in der Hand. Wir können den Trainingsplan nur entwerfen – trainieren muss er selbst.“

Medizinisches Fachpersonal

Im ärztlichen Dienst der BFW sind Ärzte, Physiotherapeuten, Fitnesstrainer und Schmerztherapeuten angestellt. Zu Beginn einer Umschulung wird dort geprüft, welche individuelle Gesundheitsförderung der Teilnehmer benötigt.

Ausstattung

Viele BFW verfügen über eigene medizinische Trainingszentren. Dort finden sich neben Trainingsgeräten auch Fitnesstrainer, die ein auf das Krankheitsbild zugeschnittenes Programm entwerfen.

Technik

Stehpulte, höhenverstellbare Schreibtische, ergonomische Stühle – der bedarfsgerechte Einsatz von professionellem Equipment sorgt dafür, dass das Leiden sich während der Ausbildung nicht verschlechtert.

Therapie

Behandlung mit Eis oder Hitze, Lymphdrainagen, Massagen, gezielte Schmerztherapien – das ist nur ein Ausschnitt des breiten Behandlungsspektrums im BFW. Selbstverständlich nur nach vorheriger Indikation, also wenn die jeweilige Therapie verordnet wird.

Der Handy-Nacken

Der Handy-Nacken

 Sechs Kilo wiegt ein Kopf im Durchschnitt, neigt er sich zum Smartphone, steigt die Belastung für die Halswirbelsäule um das Fünffache.

Belastung der Wirbelsäule in verschiedenen Positionen: 100% im Stehen, 140% im Sitzen, 190% beim Vorlehnen.

Sitzen entspannt? Den Rücken nicht!

Beim Gehen liegt die Auslastung der Lendenwirbel bei idealen 100 Prozent – je nach Sitzhaltung erhöht sich der Druck allerdings deutlich.

Anteil der Muskel-Skelett-Erkrankungen bei beruflichen Rehabilitanden. Männer: 62%, Frauen: 51%.

Auswirkungen auf den Beruf

Muskel-Skelett-Erkrankungen führen oft zur Berufsunfähigkeit: Sie sind die häufigsten Gründe für berufliche Reha-Leistungen wie zum Beispiel eine Umschulung in einem Berufsförderungswerk.

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Begeisterung ist die beste Motivation

Für Daniela Luger war die Umschulung zur Technischen Produktdesignerin im BFW Schömberg ein echter Glücksgriff: Sie hat ihren Traumberuf gefunden und blickt heute voller Zuversicht in die Zukunft.

Daniela Luger hat Rücken – und zwar buchstäblich mehr davon als andere Menschen: Ein zusätzlicher Lendenwirbel hat schon in jungen Jahren zu mehreren Bandscheibenvorfällen geführt. Das lange Stehen in der Bäckerei, in der sie als Verkäuferin arbeitete, verstärkte die Beschwerden noch. „Ich war bei alltäglichen Aufgaben auf Hilfe angewiesen und konnte nur noch mit Krücken gehen. Es war eine harte Zeit“, erinnert sich die 32-Jährige. Darum stellte sie einen Antrag auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben. Doch der wurde zunächst abgelehnt: Die gelernte Arzthelferin sollte wieder in ihrem alten Beruf arbeiten. „Als Arzthelferin muss man im Zweifel Patienten heben können. Mit meinem Rücken geht das nicht.“ Ein Gutachten der Deutschen Rentenversicherung bestätigte ihr, dass sie eine überwiegend sitzende Tätigkeit ausüben sollte – und gab den Ausschlag dafür, dass ihr Antrag nach einem Widerspruch bewilligt wurde. Die Reha-Beratung verwies sie ans BFW Schömberg: Dort hat sie drei Wochen lang unterschiedliche Berufsbilder kennengelernt – mit überraschendem Ergebnis.

CAD statt Paragrafen
Eigentlich interessierte sich Daniela Luger für die Ausbildung zur Industriekauffrau oder zur Steuerfachangestellten. Während der Arbeitserprobung sollte sie dann im Bereich des Technischen Produktdesigns einen Stiftehalter in einem CAD-Programm konstruieren. Erst wollte es ihr nicht gelingen, aber der Ehrgeiz hatte sie gepackt: Nachdem die Bearbeitungszeit vorbei war, probierte sie so lange weiter, bis sie den Bogen raus hatte. „Ich war schon in der Schule gut in Technik, habe mich als Mädchen aber nicht getraut, in diese Richtung zu gehen.“

Diese lange vergessene Neigung kam nun wieder zutage. Auf den Stiftehalter war sie so stolz, dass sie ihn sich am 3D-Drucker ausdrucken ließ. Das Ergebnis der Arbeitserprobung war klar: Maschinenbau lag ihr mehr als das Hantieren mit Paragrafen und so begann sie die Ausbildung zur Technischen Produktdesignerin. Regulär dauert die Ausbildung drei Jahre, im BFW nur zwei. „Wegen des halbjährigen Praktikums mussten wir den Stoff in anderthalb Jahren lernen. Das war ziemlich anspruchsvoll.“ Um sich voller Konzentration auf den künftigen Beruf vorzubereiten nahm sie die Möglichkeit wahr, während der Ausbildung im Internat des BFW zu wohnen. Hier fand sie schnell eine Gruppe von Teilnehmern, mit der sie sich zum Lernen zusammensetzen konnte und mit der sie immer noch Kontakt hat. Die Begeisterung für ihren neuen Beruf war die beste Motivation.

Traumberuf gefunden
Ihren Praktikumsbetrieb fand Daniela Luger mit der Unterstützung eines Ausbilders. Noch während des Praktikums kam dann das Angebot, nach bestandener Prüfung in Festanstellung dort zu arbeiten. „Ich habe ziemliche Prüfungsangst, aber meine Ausbilder haben mich ermutigt und es hat alles geklappt.“ Jetzt ist ihre Probezeit vorbei und die Leidenschaft für ihren neuen Beruf so groß wie eh und je. „Ich habe noch einiges zu lernen, aber die Arbeit fasziniert mich.“ Besonders die Übertragung ihrer kleinen digitalen Modelle in riesige Stahlelemente begeistert sie. Aber nicht nur beruflich hat die Zeit im BFW Daniela Lugers Leben zum Besseren verändert. In dem Kurs „fit und gesund“ hat sie gelernt, besser auf sich zu achten. Inzwischen geht sie gerne walken und lebt gesünder. „Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung. Ich habe dort viel Positives erlebt, an dem ich gewachsen bin. Jetzt habe ich eine echte Zukunftsperspektive.“ Der Stiftehalter, den sie im BFW gebaut hat, steht heute auf ihrem Schreibtisch bei der Arbeit – und die Krücken bei ihr im Keller.

Daniela Luger am Arbeitsplatz

Fokusthema: Abklärung der beruflichen Eignung

Das RehaAssessment ist ein Angebot, das sich der individuellen Fragestellung auf Grundlage der persönlichen Situation anpasst. Es gibt drei Kriterien, nach denen die Kostenträger entscheiden, ob sie eine Umschulung genehmigen: Neigung, (im Vorberuf erworbene) Kompetenzen und Eignung. Während die ersten beiden Kriterien leicht vom Rehabilitanden angegeben werden können, ist die Frage nach der Eignung oft die schwerste. Denn die wenigsten Menschen können ihre Fähigkeiten und Belastbarkeit nach Krankheit oder Unfall objektiv einschätzen oder wissen, welche genauen Anforderungen welcher Beruf mit sich bringt. Dafür haben die BFW das RehaAssessment entwickelt. Hier werden Leistungsprofile erstellt und mit Anforderungsprofilen der Berufswelt verglichen. Auf dieser Grundlage werden Empfehlungen ausgesprochen. Dieses Ergebnis kann in einer Arbeitserprobung abgesichert werden. Dabei wird theoretisch und praktisch in berufstypischen Aufgaben geprüft. Eine Arbeitserprobung kann aber auch sofort erfolgen, wenn es schon einen Berufswunsch gibt.

Umschulung! Aber welche?
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Mit links in die Ausbildung

Eine Startrampe – so bezeichnet Alexandra Baten das RehaAssessment im Berufsförderungswerk. Zwei Wochen lang erprobte und testete die gelernte Verkäuferin, die aufgrund eines bewegungseingeschränkten Handgelenks ihren Beruf aufgeben musste, mit den Experten der beruflichen Rehabilitation, welche Qualifizierung ihr die beste Perspektive für einen erfolgreichen Neuanfang im Berufsleben bietet: „So konnte ich mich ohne Zweifel für die richtige Ausbildung entscheiden.”

Wenn sich Menschen aus gesundheitlichen Gründen beruflich neu orientieren müssen, stehen meist ganz viele Fragen im Raum: In welche Richtung soll es gehen? Bin ich den Anforderungen einer neuen Ausbildung gewachsen? Was kann ich gesundheitlich noch leisten? Welche Stärken und Begabungen habe ich? Und wie passt das alles zu meinem Berufswunsch?

Den passenden Weg finden
Auch Alexandra Baten war erst einmal verunsichert, als klar war, dass sie nicht länger in ihrem Beruf arbeiten kann – die Spätfolgen eines Sportunfalls in der Schulzeit machten den Job unmöglich: „Mein rechtes Handgelenk ist in der Bewegung stark eingeschränkt – ich darf es nicht mehr belasten.” Über die Unfallversicherung erfuhr sie von den verschiedenen Möglichkeiten der beruflichen Reha: Recht schnell steht für die gelernte Verkäuferin fest, dass ihre Zukunft in einer Bürotätigkeit liegt. „Aber ob die Ausbildung zur Bürokauffrau überhaupt möglich ist mit meiner gesundheitlichen Einschränkung, das war nicht klar.” Um zu klären, wie realistisch die angestrebte Berufsperspektive ist und rechtzeitig mögliche Alternativen ins Auge zu fassen, empfahl ihr Reha-Berater im Vorfeld ein zweiwöchiges RehaAssessment im Berufsförderungswerk (BFW) Nürnberg. Für Alexandra Baten war der wichtigste Part dabei die Berufsfindung und Arbeitserprobung: „So konnten wir die unterschiedlichen Berufsbilder, die im BFW angeboten werden, erst mal ausprobieren”, erzählt sie.

„Weil ich schon eine sehr genaue Vorstellung davon hatte, wohin die Reise gehen soll, habe ich in den Bereichen Buchhaltung, Marketing und Vertrieb hospitiert – und genau dieser ‚Schnupperkurs’ hat mich darin bestärkt, dass die Ausbildung zur Bürokauffrau für mich das Richtige ist."

Die richtige Entscheidung treffen
Um die Entscheidung fundiert abzusichern, wurden auch die gesundheitlichen Vorausetzungen abgeklärt: „Ganz wichtig war bei mir,  ob das Schreiben mit der Tastatur überhaupt klappt. Denn ich bin eigentlich Rechtshänderin und musste erst zeigen, dass ich mit der speziellen ergonomischen Tastatur umgehen kann,  die ich aufgrund der Fehlstellung meines Handgelenks brauche. Aber das habe ich sozusagen mit links geschafft”, erzählt Alexandra Baten mit einem Augenzwinkern. Eine Herausforderung war für die 32-Jährige hingegen die Tests zur Beurteilung der beruflichen Eignung: „Die Aufgaben waren ganz schön anspruchsvoll und an manchen Tagen habe ich mir schon gewünscht, dass ich früher in der Schule besser aufgepasst hätte.

Aber rückblickend bin ich sehr froh, dass ich das Angebot wahrgenommen habe. Denn auch wenn die zwei Wochen anstrengend waren, konnte ich so für mich aus einem Berufswunsch eine konkrete Perspektive mit echten Chancen für die Zukunft entwickeln und mit einem guten Gefühl in die Ausbildung gehen. ”

Alexandra Baten

Fokusthema: Erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt

Manchmal ist es eine Erkrankung, ein anderes Mal ein Unfall, der das (Arbeits-)Leben von heute auf morgen auf den Kopf stellt. In dieser schwierigen Situation helfen die Angebote der Berufsförderungswerke dabei, beruflich wieder Fuß zu fassen: Von der Auswahl des richtigen Berufsbildes bis hin zur Qualifizierung unterstützen die BFW bei der erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt – und geben damit eine echte Perspektive.

Rückkehr in den Arbeitsmarkt
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Die Eintrittskarte ins Arbeitsleben

„Irgendwann konnte mein Körper einfach nicht mehr. Mit Ü40 musste ich mein Berufsleben komplett neu in die Hand nehmen“, sagt Sandra Trautvetter – und entschied sich für eine Ausbildung im Berufsförderungswerk (BFW). Dort frischte sie nach fast 30 Jahren ihre Kenntnisse wieder auf und erwarb neue berufsbezogene Kompetenzen. Mit Erfolg: Heute steht sie wieder mit beiden Beinen im Berufsleben. 

„Schon vor 15 Jahren hat mir mein Arzt eine berufliche Neuorientierung empfohlen, weil mein angeborener Hüftschaden und mein Asthma sich durch meine Arbeit als Fleischereifachverkäuferin verschlimmerten. Aber damals waren die Kinder noch klein und standen im Mittelpunkt. Erst danach dachte ich an mich“, sagt die zweifache Mutter rückblickend. Mit Schmerzmitteln versuchte sie lange, den Arbeitsalltag zu überstehen – das war aber keine Dauerlösung. Sie wusste sich nicht anders zu helfen und kündigte ihr Arbeitsverhältnis. 

Im Beratungsgespräch beim Jobcenter wurde ihr eine Qualifizierung in einem BFW nahegelegt. Nach erfolgreicher Antragstellung von Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA) entschied sie sich mit Zustimmung des Reha-Trägers, der Deutschen Rentenversicherung, für eine kaufmännische Ausbildung im BFW Weser-Ems. „Meine Schulzeit ist lange her. Ohne die Unterstützung im BFW hätte ich eine Ausbildung nicht geschafft, das wusste ich von Anfang an. Auch, dass ich im BFW wohnen konnte, war für mich eine ideale Konstellation, da täglich pendeln nicht in Frage kam.“ 

Geschult in Theorie und Praxis 
Nachdem sie ihre Mathe- und Deutschkenntnisse aufgefrischt hatte, standen Rechnungswesen, Wirtschaftskunde und berufsspezifischer Unterricht auf ihrem Stundenplan. Anschließend bereitete sie sich mit Klassenkameraden in kleinen Lerngruppen auf ihre Abschlussprüfung vor. Und auch die Praxis kam nicht zu kurz: Als Praktikantin sammelte sie während der Ausbildungszeit acht Monate lang erste Berufserfahrungen bei der Touristischen Marketingorganisation Rheinland-Pfalz.

Die Chemie stimmt
Wie sich schnell herausstellte, waren die zwei „Lehrjahre“ im BFW für Sandra Trautvetter eine überaus gut investierte Zeit: „Noch bevor ich mein Zeugnis in den Händen hielt, stand mir die Tür zurück ins Arbeitsleben offen – und das mit nur einer einzigen Bewerbung.“ Mit ihrem Ehrgeiz und dem frisch erlernten Know-how überzeugte sie ihren neuen Arbeitgeber. „Die Chemie zwischen uns stimmte auf Anhieb. Im Alter von 46 Jahren wieder Berufseinsteigerin zu sein, war für mich überhaupt kein Hindernis. Vielmehr kommen mir meine Lebenserfahrung und Bodenständigkeit zugute.“

Für die feste Anstellung verließ sie ihren Heimatort und zog nach Hannover, wo ein neues Einrichtungshaus eröffnete. Ihr besonderer Vorteil: Auch alle anderen Mitarbeiter vor Ort mussten sich in die neuen Arbeitsabläufe erst einfinden. Sandra Trautvetter konnte die Arbeitsprozesse von der ersten Minute an mitgestalten und ihr neu erworbenes Wissen umsetzen.

Erfolgreich angekommen
„Am Anfang meiner Ausbildung war ich unsicher, weil ich ja nicht mehr die Jüngste bin. Heute kann ich sagen, dass meine Ausbildung im BFW meine Eintrittskarte zurück ins Berufsleben war. Ich habe einen Job gefunden, der mir Spaß macht und meiner Gesundheit gut tut. Das habe ich mir seit Langem gewünscht“, sagt Sandra Trautvetter heute zufrieden.

Sandra Trautvetter

Fokusthema: Gesundheitliche Belastungen in der Pflege

Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, erfahren in der Gesellschaft eine breite Wertschätzung. Die Pflege ist 2014  nach der Feuerwehr der am besten angesehene Berufsstand. Paradoxerweise ist das Berufsbild der Pflege für den Großteil der Menschen  so unattraktiv, dass bereits ein akuter Fachkräftemangel entstanden ist. Das hängt zum einen mit einem vergleichsweise geringen Lohn­niveau zusammen, zum anderen mit den hohen Gesundheitsbelastungen, die der Beruf mit sich bringt.

Krankenstandswert in der Pflege
Depressionen in der Pflege
Depressionen in der Krankenpflege
Gesundheitsbelastung in der Pflege

Quellen: DAK-Gesundheitsreport 2014, TK Depressionsatlas 2015, DGB-Index Gute Arbeit, INIFES (Tatjana Fuchs)

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Gleichgewicht wiederhergestellt

Mit Ende 30 steht Thomas Neu mitten im Leben: Als Leiter eines ambulanten Pflegedienstes hat er einen fordernden Job, der ihn erfüllt. Dank seiner Leidenschaft zur Musik und als Mitglied einer Band kann er privat gut abschalten – bis das Gleichgewicht unerwartet aus der Balance gerät.

Neben seinem Berufsalltag in der Pflege ist Thomas Neu leidenschaftlicher Musiker. Umso mehr trifft es ihn, als sein langjähriger Bandkollege und Freund unerwartet aus dem Leben scheidet. „Mit dem Tod meines besten Freundes ist ein wesentlicher Lebensinhalt weggebrochen. Wir haben unsere Band aufgelöst. Nur meine Arbeit ist mir geblieben.“ Immer weiter flüchtet er sich in seinen anstrengenden Job und verausgabt sich. Gut gemeinte Ratschläge seiner Kollegen, einen Schritt kürzer zu treten, lehnt er ab. Erst als sein Körper zusammenbricht, erkennt er den Ernst der Lage – den Anforderungen als Pflegedienstleiter ist er einfach nicht mehr gewachsen. Nach einer Auszeit wird ihm schnell klar, dass es kein Zurück in die Pflegeleitung gibt. Bei der Recherche nach den Möglichkeiten, sich beruflich neu zu orientieren, stößt er auf die berufliche Rehabilitation – und stellt den Antrag auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA). Von dem Ablehnungsbescheid der Deutschen Rentenversicherung lässt er sich nicht aufhalten; er schreibt einen Widerspruch. Mit Erfolg: Eine Umschulungsmaßnahme wird ihm bewilligt. Nach der Berufsfindung entscheidet er sich für die zweijährige Ausbildung zum „Staatlich anerkannten medizinischen Dokumentationsassistenten“ im BFW Heidelberg, um auch künftig seine langjährige Berufserfahrung sinnvoll einsetzen zu können. 

Chance genutzt 
Vier Monate später wieder ein gesundheitlicher Rückschlag: Thomas Neu erleidet einen Herzinfarkt und wird operiert. Als Folge der beruflichen Verausgabung nach dem Tod seines besten Freundes ist sein Körper den Belastungen der Umschulung noch nicht wieder gewachsen. Er brauchte Zeit zur Regeneration und absolvierte eine medizinische Rehabilitation.

„In dieser Situation hat das BFW viel dafür getan, dass ich die Umschulung nach meiner Genesung fortsetzen konnte: Ich wurde mit zusätzlichen therapeutischen Leistungen unterstützt und die Mitarbeiter standen immer in engem Kontakt mit meinem Reha-Träger, der sich kooperativ zeigte.“ Diese Chance lässt er sich kein zweites Mal entgehen und fängt mit neuen Kräften von vorne an. 

Vorkenntnisse genutzt
Seine jahrzehntelange Berufserfahrung im Pflegedienst kommt ihm zugute. Viele medizinische Fachbegriffe sind ihm bekannt und den Umgang mit Patienten ist er gewohnt. Zusätzlich wird er im BFW in Statistik, Codiermethoden und der Dokumentation am Computer ausgebildet. „Die zwei Lehrjahre waren kein Zuckerschlecken“, sagt er rückblickend. „Aber ich würde meine Entscheidung für diese Umschulung jederzeit genau so wieder fällen.“ Während der Ausbildungszeit macht er ein Praktikum im Uniklinikum Heidelberg und überzeugt seine Kollegen mit vollem Einsatz. 

Damit hat er schon einen Fuß in der Tür und wird als ausgebildeter Dokumentationsassistent mit offenen Armen empfangen. Im Medizincontrolling ist er für die Dokumentation der Behandlung und Abrechnung zuständig. „Mit 43 Jahren bin ich Berufseinsteiger. Aber es ist schön zu erleben, dass man sich altersunabhängig entwickeln kann, eine Chance bekommt und mit Leistung punkten kann“, zieht er für sich positiv Bilanz. Denn trotz der zahlreichen gesundheitlichen Rückschläge hat er sein Leben wieder ins Gleichgewicht gebracht.

Thomas N. am Arbeitsplatz

Fokusthema: Depression

„Depression" – dabei handelt es sich um einen schleichenden Prozess, der Jahre dauern kann. Das Wichtigste dabei ist: Die Krankheit überhaupt zu erkennen. Um langfristig gesund zu bleiben, steht in vielen Fällen auch eine berufliche Neuorientierung an. Denn nur wer gesund ist, kann auch beruflich vollen Einsatz zeigen. Angebote der Berufsföderungswerke helfen auf dem Weg zurück in den Beruf und unterstützen mit passgenauen Maßnahmen im Rahmen der beruflichen Rehabilitation.

Bildüberschrift: Anzahl der durchschnittlichen Krankentage pro AU-Fall.
Grafik: Kalenderblätter mit den Aufschriften: 44 Tage bei Depression, 20 Tage bei Muskel-Skelett-Erkrankungen, 6 Tage bei Atemwegserkrankungen.
Grafische Aufarbeitung: AU-Tage bei Depressionen haben seit 1997 um 165,2 % zugenommen.
Ein Straßenschild, auf dem ein schematischer Mensch mit Verwirrungs- oder Schwindelzeichen über dem Kopf abgebildet ist. Die Bildüberschrift lautet: Mit 28,7 % ist die Gruppe der "Nervenkrankheiten und psychische Erkrankungen" die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit.
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Ausbruch aus dem Hamsterrad

Für ihren Job war Christiane Pecher „Feuer und Flamme“ – als Ausbilderin bei einem Bildungsanbieter gab die heute 52-Jährige jeden Tag Vollgas. Ein Weg, der irgendwann in der Sackgasse mündete. Denn nach einem Burnout hieß es für sie: Nichts geht mehr.

Burnout ist ein prekärer Begriff: In einer Zeit, in der jedes Formtief gleich mit einem „Burnout-Syndrom“ etikettiert wird, ist der inflationäre Gebrauch für die Betroffenen ein Fluch. Das hat auch Christiane Pecher erlebt: „Als ich 2008 nach einem langen Prozess des „Ausbrennens“ meinen Job aufgeben musste, kam von Außenstehenden auch der Vorwurf, ich sei nicht belastbar.“ Acht Jahre arbeitete die studierte Gartenbauingenieurin bei einem Rostocker Bildungsanbieter als Ausbilderin in der Berufsvorbereitung von Jugendlichen, eine Aufgabe, die die ehrgeizige Frau mit Herzblut ausfüllte – und die sie bis ans Limit brachte. „Ein sehr hohes Arbeitsaufkommen, dazu mein eigener perfektionistischer Anspruch, immer jedem gerecht zu werden und wenig Rückhalt in der Geschäftsleitung, sodass ich immer das Gefühl hatte, gegen Widerstände kämpfen zu müssen“, beschreibt sie die für sie damals ausweglose Lage. Der Stress wurde zum Dauerzustand: „Ich fühlte mich wie im Hamsterrad, konnte nicht mehr abschalten, ständig drehten sich die Gedanken im Kreis.“ Allen Warnsignalen zum Trotz machte Christiane Pecher weiter. Jeden Tag. Bis zum totalen Zusammenbruch: „Da war nur noch Müdigkeit und – was für mich am schlimmsten war – innere Leere“, erinnert sie sich. „Ich habe überhaupt nichts mehr gefühlt: keine Freude, keine Zufriedenheit, keine Angst, nichts.“

Die Notbremse zog ihre Hausärztin: „Sie erkannte sofort den Ernst der Lage und zog mich umgehend aus dem Verkehr. “ Noch in der Kur nahm die Rostockerin ihre Zukunft in die Hand: „Dass es kein Zurück in den alten Beruf gibt, war mir schnell klar.“ Über die Rentenversicherung erfuhr sie von den verschiedenen Möglichkeiten der beruflichen Rehabilitation und wie so oft stellte der Zufall die entscheidenden Weichen: „Als mir meine Kosmetikerin erzählte, dass sie eine Nachfolge für ihr Studio sucht, hat mich das spontan gereizt.“ Also informierte sie sich, wer Ausbildungen zur Kosmetikerin anbietet und wurde so auf das Berufsförderungswerk Stralsund aufmerksam: In der Rostocker Außenstelle legte die heute 52-Jährige das Fundament für die Zukunft – und übernahm 2012 nach einer zweijährigen Ausbildung das Studio.

„Heute ist mein Leben wieder in Balance“, sagt Christiane Pecher. „Damit das auch so bleibt, habe ich im BFW gelernt, meine eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu erkennen: Heute nehme ich mir regelmäßig Auszeiten und lehne zum Beispiel Termine ab, wenn ich merke, mein Limit ist erreicht. Das ist nicht immer einfach, aber ich habe inzwischen den gesunden Egoismus entwickelt, einfach auch mal Nein zu sagen.“

Christiane Pecher

Fokusthema: Multiple Sklerose

Multiple Sklerose (MS) wird auch als „Krankheit mit 1.000 Gesichtern“ bezeichnet – denn die Symtome sind sehr vielfältig. MS ist eine Einschränkung, aber kein Hindernis, denn es gibt viele Strategien, mit denen Betroffene ihr (Berufs-)Leben genießen können.

Berufliche Teilhabe MS-Erkrankter in Deutschland

Balkengrafik zur beruflichen Teilhabe MS-Erkrankter in Deutschland. Aus der Grafik geht hervor, dass fast 60 % der Betroffenen in der Altersgruppe 25-34 Jahre erwerbstätig sind, bei 35-44 Jahren sind es noch über 40 %, bei 45-54 Jahren über 30%.
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In Etappen zum Ziel

Die Diagnose Multiple Sklerose ist kein Grund, alle beruflichen Pläne und Ziele aufzugeben, wie Melany Helmholz eindrucksvoll beweist. Mit Kraft und Zuversicht stellt sich die Magdeburgerin der „Krankheit mit den tausend Gesichtern“ und geht mit Unterstützung des BFW Sachsen-Anhalt ihren Weg in eine neue berufliche Zukunft.

Ein kleiner Satz warf die Lebensplanung von Melany Helmholz völlig über den Haufen: „Sie haben Multiple Sklerose.“ Plötzlich steht da diese Diagnose im Raum und mit ihr jede Menge Fragezeichen. „Ich habe mich total überfordert gefühlt mit der Situation, wusste gar nicht, was das jetzt für mich bedeutet“, erinnert sich die zweifache Mutter. „Werde ich einen Rollstuhl brauchen? Kann ich meinen Beruf weiter ausüben?“ Die Annahme, dass Menschen mit MS im Rollstuhl sitzen und nichts mehr tun können, ist weit verbreitet. Aber Multiple Sklerose ist eine Krankheit mit vielen Ausprägungen, die Beschwerden der chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems kommen in Schüben – und mit unterschiedlichen Symptomen: „Beim ersten großen Schub 2005 war ich für einige Monate fast blind. Bei einem anderen litt ich unter einer halbseitigen Gesichtslähmung wie bei einem Schlaganfall.“

Unberechenbarer Verlauf

Immer wieder setzte die unberechenbare Krankheit die gelernte Verkäuferin, die trotz ihrer Erkrankung weiter in einer Bäckerei arbeitete, außer Gefecht – 2012 bedeutete ein weiterer großer Schub dann das Ende für die Tätigkeit. „Schon in der medizinischen Reha war klar, dass ich so in meinem Job nicht weiterarbeiten kann.“  Ein herber Schlag, zumal ihr die Rentenberatung zunächst auch noch die Frühverrentung empfiehlt – für die lebensfrohe Magdeburgerin war das aber kein Thema: „Ich bin Mitte Dreißig und noch lange keine Rentnerin! Und nur weil ich meinen alten Beruf nicht mehr ausüben kann, bedeutet das nicht, dass gar nichts mehr geht. Das ist wie am Bahnhof: Wenn man mit dem einen Zug nicht weiterkommt, dann nimmt man eben einen anderen“, sagt die heute 35-Jährige ganz pragmatisch.

Also stieg Melany Helmholz um: Mit Unterstützung der Reha-Beraterin stellte sie einen Antrag auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben – und damit die Weichen für eine neue berufliche Zukunft. „Mein Ziel ist eine Ausbildung zur Bürokauffrau im BFW Sachsen-Anhalt.“ Um für die Anforderungen der Ausbildung bestmöglich gewappnet zu sein, absolviert Melany Helmholz im Vorfeld für ein Jahr eine Art Trainingslager: „Im Integrationstraining für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen (NTZ) stärke und reaktiviere ich meine neurologischen und kognitiven Fähigkeiten und lerne so, die Auswirkungen meiner Krankheit zu bewältigen“, erklärt sie. Und jeder Schritt zurück in den beruflichen Alltag ist ein Etappensieg gegen die unkalkulierbare Krankheit: „Viele Betroffene ziehen sich zurück, trauen sich nichts zu, werden depressiv. Ich will mich nicht von der MS dominieren lassen. Aber ich weiß auch, wo meine Grenzen liegen und setze mir deshalb ganz bewusst immer wieder Ziele, die ich auch erreichen kann. So gewinne ich zumindest ein wenig Kontrolle über mein Leben zurück.“ Und ihr Hauptziel hat Melany Helmholz ganz klar im Visier: Zurück in den Beruf. „Egal was kommt, ich will in Zukunft auf jeden Fall arbeiten, und das nicht nur, damit ich dann irgendwann mit einem richtig guten Gefühl in die Rente gehen kann“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Melany Helmholz bei der Arbeit
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