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Rückkehr in den Beruf nach Krankheit oder Unfall

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EURE STIMMEN
FÜR DIE 2.CHANCE
Facebookgewinnspiel:
Wir haben eine Gewinnerin!

Wir gratulieren!

Eine 2.Chance für jeden

Wir wollten von unserer facebook-Community wissen: Warum hat jeder eine berufliche 2.Chance verdient? Und haben für den Beitrag mit den meisten Likes ein iPad Air verlost. Die Gewinnerin hat selbst einmal eine 2.Chance bekommen.

Bild von Betti Cra

Betti Cra:

„Jeder hat eine berufliche 2.Chance verdient, weil auch wirklich jeder von einer Krankheit oder einem Unfall betroffen werden kann. Niemand sollte benachteiligt werden. Glücklicherweise ist dies in Deutschland auch nicht der Fall, aber zu wenige wissen davon, dass man Unterstützung erhalten kann, um wieder in die Arbeitswelt einzusteigen. Ich wusste es auch lange nicht.“

Mit ihrem Beitrag traf Userin Betti Cra den Nerv vieler anderer facebook-Nutzer: Insgesamt 57 Mal wurde ihr Beitrag bis zum Ende der Gewinnspielphase am 31. Juli geliked – und hat damit mehr Zustimmung erfahren als alle anderen Beiträge. Wir haben mit der Gewinnerin, der facebook-Userin Betti Cra, über ihren Bezug zum Thema und den Grund für Ihre Meinung gesprochen.

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2.Chance: Herzlichen Glückwunsch, Betti! Und danke für Deine Teilnahme. Wie geht es Dir?
Betti Cra: Vielen Dank! Ich bin echt überglücklich.

Du schreibst, dass Du selber lange nicht wusstest, dass es Möglichkeiten gibt, über Umschulungen zurück ins Arbeitsleben zu finden. Hast Du auch schon mal umgeschult?
Ja, allerdings nicht aus gesundheitlichen Gründen. Ich war damals alleinerziehende Mutter und habe an einem speziellen Förderprogramm teilgenommen. Dort habe ich zur Kauffrau für Bürokommunikation umgeschult und anschließend in dem Beruf vier Jahre arbeiten können. Das war existenziell wichtig für mich damals.

Aber wieso hast Du dort aufgehört?
Das liegt an einer psychosomatischen Erkrankung. Ich bin aber mittlerweile glücklich verheiratet und kann es mir erlauben, mich quasi in Vollzeit auf meinen Job als Mutter zu konzentrieren. Der dauert allerdings nun auch nicht ewig. Es ist beruhigend zu wissen, dass ich irgendwann vielleicht einmal einen Antrag auf Leistungen zur Teilhabe stellen könnte. Eine Freundin hat mich auf Euch aufmerksam gemacht - und da habe ich am Gewinnspiel teilgenommen.

Na, das passt ja hervorragend. Wenn es soweit ist und du Fragen haben solltest, ruf uns gerne auf der Hotline an oder schick uns eine Mail. Vorher wünschen wir Dir viel Spaß mit Deinem neuen iPad.
Das mache ich. Und vielen Dank nochmal!

Sehr gerne, Betti. Mach's gut.
Wir freuen uns auf Deine Nachricht!

Gut getroffen: Der 2.Chance Comic

Florian und Marie treffen sich nach langer Zeit wieder und unterhalten sich darüber, wie es ihnen in den letzten Jahren ergangen ist. Es stellt sich heraus, dass Florian am Anfang eines Weges steht, den Marie schon gegangen ist.

Viel Spaß mit unserem Realtimecomic! Einfach unter „mehr" runterscrollen oder hier zum Download.

Florian und Marie treffen sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder.
Marie erzählt, dass sie wegen einer Umschulung viel zu tun hat. Florian ist wegen Rückenschmerzen krankgeschrieben.
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Marie erzählt, dass sie Depressionen leidet. Florian möchte sich mit ihr unterhalten.
Marie erzählt, dass ihr Arzt ihr zu einer beruflichen Veränderung geraten hatte. Florian würde das auch gefallen.
Florian erzählt, dass er entlassen wurde. Marie wird nach einer Berufsfindungsmaßnahme Informatikerin. Florian würde gerne mit Kindern arbeiten statt in der Schlosserei.
Marie rät Florian, auch Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben zu beantragen. Florian ist dankbar für den Tipp.

Der Überflieger

Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Sportler, wurde gefeiert wie ein Superstar: Sven Hannawald. Weltmeistertitel, Olympiasiege und der erste Grand Slam in der Geschichte der Vier-Schanzen-Tournee pflastern den steilen Aufstieg des 38-Jähigen Überfliegers. Doch irgendwann hält Hannawald den ernormen Druck des Hochleistungssports nicht mehr aus, er fühlt sich ausgebrannt und fällt in ein seelisches Tief. Mit 2.Chance sprach die Skispringerlegende offen über den Tiefpunkt seines Lebens und den langsamen Aufbruch in ein Leben nach dem Profisport.

Sven Hannawald
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Herr Hannawald, Sie haben als Spitzensportler jahrelang ein Leben im physischen und psychischen Grenzbereich geführt. Wie haben Sie gemerkt, dass Sie an einem Punkt angekommen waren, an dem es nicht mehr weiter geht?
Das war ein ganz schleichender Prozess, eine innerliche Unruhe, die immer schlimmer wurde, bis in meinem Kopf nur noch ein einziges großes Durcheinander war. Es gab Momente, da habe ich urplötzlich zu weinen angefangen, obwohl ich eigentlich kein Mensch bin, der nah am Wasser gebaut ist. Ich habe mich selbst kaum noch wiedererkannt und fühlte mich wie in einem tiefen schwarzen Loch, aus dem ich nicht mehr herauskam. Heute weiß man, dass diese Symptome eindeutige Warnsignale für einen drohenden Burnout sein können. Aber 2004 war dieses Krankheitsbild eher unbekannt und nicht zu wissen, was mit mir los ist, hat mich innerlich zerrissen.   

Sie haben es selber gesagt, damals war das Thema Burnout noch Neuland – wie haben Sie auf die Diagnose reagiert?
Ich wusste überhaupt nicht, was das bedeutet und was auf mich zukommt. Letzten Endes war mir das aber egal, denn nach zig Arztbesuchen, zig Untersuchungen, die alle zum Ergebnis hatten, dass körperlich alles in Ordnung sei, wollte ich einfach nur, dass mir endlich jemand erklärt, was mit mir los ist und dass es mir wieder besser geht, um mit vollem Elan wieder Ski zu springen. Deshalb war ich einfach nur erleichtert, als mir ein aufmerksamer Arzt sagte, das sei ein Burnout. Anfangs bin ich davon ausgegangen, dass es wie eine Grippe ist und dass man gewisse Dinge machen muss, damit es besser wird. Aber ich habe schnell gemerkt, dass es ein schwerer und langer Prozess wird.

Wie haben Sie diesen Tiefpunkt überwunden?
Es hilft niemandem, den Starken zu spielen. Auch ich musste mir meine Schwäche eingestehen. Mit Selbsthilfebüchern und guten Ratschlägen kommt man da nicht weit, deshalb habe ich sofort professionelle Hilfe gesucht und mich in stationäre Behandlung begeben. Aber auch nach dem zweimonatigen Klinikaufenthalt war ich noch lange nicht wieder der Alte. Mein Körper hat mir deutlich vor Augen geführt, dass er kein Computer, sondern eine natürliche Ressource ist, die geschont werden muss. Es hat fast fünf Jahre gedauert, bis ich wieder zurück im Leben war. Eine Zeit, in der ich auch immer wieder Rückschläge hinnehmen musste: Denn um vorwärts zu kommen, musste ich auch mal zwei Schritte zurücktreten. Das war für mich nicht einfach, weil ich eigentlich ein sehr ehrgeiziger Mensch bin. Aber ich habe gelernt, dass gerade ein Rückschritt manchmal der erste Schritt zum Fortschritt ist.

Wie meinen Sie das?
2005, als es mir eigentlich schon wieder recht gut ging, hatte ich schon damit geliebäugelt, wieder mit dem Springen anzufangen. Aber als ich die Halle betrat, in der wir immer trainiert haben, habe ich gemerkt, dass ich mental wieder ganz unruhig wurde und gewusst, das hat keinen Sinn mehr. Also habe ich einen Schlussstrich gezogen. Der endgültige Abschied vom Skispringen war für mich natürlich erst mal einen Rückschritt, aber gleichzeitig wurde mir so auch ein zweites Leben geschenkt: Ich lebe heute wesentlich entschleunigter, genieße die kleinen Bausteine, die sich langsam zusammensetzen, die mein neues Leben prägen. Ich mache mir keinen Stress mehr, gehe die Dinge viel relaxter an.

Fünf Jahre Auszeit sind allerdings ein Luxus, den sich der Normal-Bürger, der schnell wieder in den Beruf zurück muss, nicht leisten kann.
Ein Burnout unterscheidet nicht, ob man Mitarbeiter eines Unternehmens oder ein erfolgreicher Skispringer ist – er erwischt einen generell eiskalt. Ich hatte aber das Riesenglück, dass ich mir alle Zeit der Welt nehmen konnte, um mich zu kurieren. Betroffene, die mitten im Beruf stehen, eine Familie ernähren müssen, haben natürlich einen ganz anderen inneren und äußeren Druck. Umso mehr sehe ich es als großes Geschenk, dass ich meine Gedanken wachsen lassen konnte, um meine Aufgabe zu finden, die mich auch in Zukunft fordern soll.

Sie waren ein Spitzensportler, ein Medienliebling. War die Vorstellung, künftig eventuell kein kein gefeierter Star mehr zu sein, für Sie gar nicht mehr so schlimm in dem Moment?
Ich bin ganz schon gehypt worden. Aber man weiß als Sportler, dass man nicht immer der Held sein wird, sondern nur für die Zeit, in der man erfolgreich ist. Klar, war es toll, vor Zigtausenden einen Wettkampf zu gewinnen oder sich bei den Sprüngen wie ein Gladiator zu fühlen. Aber ich habe heute eine andere Motivation, einen anderen Blick auf die Dinge: Ich genieße und schätze mein Leben, so wie es ist.

Heute fahren Sie als Motorsportler Autorennen. Wie gehen Sie hier mit dem Leistungsdruck um?
Für den Moment habe ich im Amateur-Motorsport eine neue Herausforderung gefunden. Aber das kann man nicht mit früher vergleichen. Der Rennsport ist etwas, das ich mit 35 angefangen habe. Wenn dort jemand kommt und zu mir sagt, dass ich das Rennen gewinnen muss, dann lache ich da drüber. Natürlich will ich auch hier erfolgreich sein, aber ich achte strikt darauf, dass ich bestimmte Grenzen nicht mehr überschreite und rechtzeitig auf die Bremse trete. Ich muss nicht mehr nonstop auf der Überholspur fahren, um zum Ziel zu kommen.

Bild: www.ipernity.com/doc/siebbi/3930198

2.Chance: Der Film

Die 2.Chance gibt's auch als Film! Am Beispiel der Krankenpflegerin Manuela zeigen wir, wie der Weg zurück ins Berufsleben funktionieren kann.

Heute zählt nur mein eigenes Urteil

Wer FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati auf dem Fußballplatz gesehen hat, mit welchem Selbstvertrauen er Bundesligaspiele geleitet hat und an Entscheidungen festgehalten hat, gegen die Zehntausende heftig protestiert haben, der hätte nie gedacht, dass dieser Mann eine Depression entwickeln könnte. Doch nach einem Suizidversuch gerade noch rechtzeitig von seinen Assistenten gefunden und gerettet. Heute hält er Vorträge darüber, wie man mit Mobbing, Leistungsdruck und Depressionen umgehen kann – und was fehlt, um das Thema wirklich gesellschaftlich aufzuarbeiten.

Babak Rafati
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Welchen Anteil hatten Ihre Vorgesetzten beim DFB an Ihrer Depression?
Für die Depression war die menschenunwürdige Behandlung von meinem Vorgesetzten ursächlich. Das sage ich ganz klar. Genauso klar sage ich aber auch, dass für die Folge, den Suizidversuch, ich ganz allein verantwortlich bin. Andere hätten in dieser Situation andere Wege gewählt, ich diesen – das kann ich keiner anderen Person in die Schuhe schieben. Nichtsdestotrotz ist es so, dass ich eineinhalb Jahre davor noch ein kerngesunder, extrovertierter Mensch gewesen bin, der seine Meinung sachlich, aber durchaus deutlich gesagt hat. Doch als ein personeller Wechsel an der Spitze der Schiedsrichter Kommission stattfand, änderte sich meine Situation grundlegend.

Inwiefern?
Vorher ist mir das Gefühl vermittelt worden, in der Führungsebene einen Rückhalt durch konstruktiven Umgang zu haben. Nach dem Personalwechsel war das Gegenteil der Fall. Ich wurde massiv und systematisch unter Druck gesetzt. Nur ein Beispiel: Als mir gesagt worden ist „Jeder darf einen Fehler machen, Babak, nur du nicht“ habe ich mich hilflos und alleine gelassen gefühlt, denn der Fehler, um den es da ging, hatte mein Assistent gemacht und nicht ich. Ihm wurde am Telefon gesagt, das kann passieren, mir gegenüber wurde der Fehler instrumentalisiert, um mich fertig zu machen. Als mir das klar geworden ist, habe ich mich immer wieder gefragt: Warum tun die das mit mir? Darauf keine plausible Antwort zu finden, auch daran bin ich dann fast zerbrochen.

In der Rückschau betrachtet: An welchem Punkt hätten Sie von sich aus die Reißleine ziehen müssen?
„In der Rückschau“ trifft genau das Problem. Eine Rückschau ist eine rationale Betrachtung der Dinge, die Depression ist aber vor allen Dingen dadurch geprägt gewesen, dass meine Emotionen rationale Vorgänge unmöglich gemacht haben.

Wie hat sich das geäußert?
Ich, der Extrovertierte, habe mich plötzlich selbst im engsten Bekanntenkreis isoliert. Schlaflosigkeit, Antriebslosigkeit, sogar Brust- und Herzschmerzen sind Symptome gewesen. Ich war aber gefangen in meiner Vorstellung, einen Kampf aufnehmen zu müssen. Das hatte auch ein bisschen mit meiner Vorstellung von Männlichkeit zu tun. Und in einem Kampf ist Schmerz ja sogar förderlich, weil er motiviert und die Sinne schärft. Leider ist mir erst im Nachhinein klar geworden, dass ich mich in einen Kampf hineingesteigert habe, an dem ich nur zerbrechen konnte.

Nach Ihrem Suizidversuch sind Sie in einer Klinik in psychiatrischer Behandlung gewesen – und geheilt worden. War der Gang dorthin nach diesem Tiefpunkt ein leichter, weil logischer Schritt?
Auf keinen Fall! Meine Frau hat mich gezwungen, in diese Klinik zu gehen. Ich habe Sie dafür gehasst, aber sie hat mich ins Auto gesetzt, ist mit mir zur Klinik gefahren und hat all meinen Drohungen zum Trotz, dass ich sie verlassen oder mir etwas antun würde, Stärke bewiesen. Sie ist mein Sechser im Lotto! Nach dem Selbstmordversuch habe ich mich wie ein Feigling gefühlt, ich habe mich noch nie so geschämt. Sie hat mir nie Vorwürfe gemacht, im Gegenteil, sie hat mir mein Selbstvertrauen wiedergegeben. Ohne meine Frau sowie der Therapie wäre ich nie im Leben so schnell genesen.

Was würden Sie einem Menschen raten, der merkt, dass er depressiv ist, aber vielleicht nicht so ein starkes Umfeld hat, wie Sie?
Ich würde ganz dringend raten, sich aktiv eine Vertrauensperson zu suchen, denn ich glaube nicht, dass man aus einer Depression ganz alleine aus eigener Kraft wieder rauskommt. Man ist so gefangen in seiner eigenen Welt aus starken Emotionen und verzerrten Wahrnehmungen, dass man eine andere Person als „Anker“ einfach braucht.

Sie sagen, dass das Thema Depression gesellschaftlich noch nicht aufgearbeitet worden ist. Irgendwie steht das doch im Widerspruch dazu, dass das Thema medial sehr präsent ist, oder?
Da wird seit Jahren viel geredet, aber wenig getan! Es gibt viele Aufrufe zum offenen Umgang mit dem Thema Depression, zur Enttabuisierung, doch wenn es ernst wird, wird nicht gehandelt. Zuerst sagt man „Hand aufs Herz“ und dann bleiben die Hände in den Hosentaschen. Hier werden Chancen versäumt.

Was für eine Chance meinen Sie?
Fußball dringt auch in Gesellschaftsschichten vor, die sonst unerreicht bleiben, das ist eine ungeheure Macht. Überlegen Sie allein was der Fall Uli Hoeneß für einen Effekt auf Steuersünder hat, die sich nun selbst anzeigen. Gerade depressive Menschen sind schwer zu erreichen, doch man muss es versuchen. Wie wichtig das ist, merke ich momentan selbst. Ich bekomme immer noch hunderte Mails pro Tag von Menschen, die sagen, wie gut es Ihnen tut, zu sehen, wie offen ich heute mit meiner Krankheit umgehe – und dass sie das aktiviert, etwas zu tun.

Sie sprechen über Menschen, die Ihren Lesungen und Vorträgen beigewohnt haben. Wie wichtig war die berufliche Veränderung für Ihren Genesungsprozess?
Schon in der Klinik war mir klar, dass ich einen radikalen Cut machen muss. Ich hatte noch immer viele Schamgefühle – die Vorstellung mich den Blicken meiner Mitarbeiter auszusetzen, war unerträglich für mich. Ich habe also meine Kündigung eingereicht, als ich aus der Klinik entlassen worden bin, und habe einen Erholungsurlaub mit der Familie gemacht. Als ich nach Hause gekommen bin, lag ein Brief im Kasten, in dem die gesamte Mitarbeiterschaft mich gebeten hat, die Kündigung zurückzuziehen, weil sie so gerne mit mir zusammengearbeitet hat. Das war bewegend! Wir sprechen hier von der Sparkasse, die auch einen Ruf zu verlieren hat. Doch im Gegensatz zum DFB schien man sich hier nicht für mich zu schämen.

Sie sagen, heute haben Sie Strategien entwickelt, die Sie vor einer Depression schützen. Was sind das für Strategien?
Man muss die Fähigkeit entwickeln, über Gefühle zu sprechen – auch als Mann! Auch im Beruf! Wenn man dann merkt, dass dem Vorgesetzten egal ist, dass es einem schlecht geht, hilft die Frage nach dem Warum?, also Warum macht er das? Warum ich? Etc., nicht weiter. Das kostet zu viel Kraft. Dass hier auch existenzielle Ängste mit hineinspielen, ist verständlich. Doch ich habe am eigenen Leib erfahren, wie wichtig es ist, auch seine eigenen Werte zu leben. Wenn man dauernd mit einem Menschen zu tun hat, der einem das nicht ermöglicht, muss man sich von diesem Menschen trennen. Und am Ende des Tages kann kein Job wichtiger sein, als die eigene Gesundheit und Lebensfreude.

Auch wenn ich mittlerweile selbständig bin: Personen, die einen fertig machen wollen, begegnen mir ja immer noch. Ich lasse mich von denen aber ganz bewusst nicht mehr aus der Balance bringen. Vorher war mir das Urteil anderer wichtig, dadurch war ich fremdbestimmt. Heute zählt nur mein eigenes Urteil – und das macht mich zum Herrn über mein eigenes Schicksal.

Alles ist möglich

„Es gibt keine Niederlagen, nur Herausforderungen“, sagt Gaby Köster, die sich nach ihrem Schlaganfall vor vier Jahren mit viel Kraft zurück ins Leben gekämpft hat. Auch die Schauspielerin und Kabarettistin aus Köln, die für ihren frechen Humor bekannt ist, musste erleben, wie schmerzhaft es ist, von heute auf morgen den geliebten Beruf nicht mehr ausüben zu können. Aber sie hat sich nie aufgegeben, sich ihr Leben zurückerobert und, wie sie es in ihrem Buchtitel so treffend benennt, „ihre zweite Chance“ genutzt.

Gaby Koester
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In kleinen Schritten kämpft sich Gaby Köster zurück ins Leben. Ein Weg, der ihr viel Kraft und Unmengen an Ausdauer abverlangt: „An das langsamere Tempo musste ich mich erst gewöhnen“, erzählt sie. „Aber man kann nicht am Zeitrad drehen. Was der Körper braucht, das holt er sich und das muss man einfach aushalten.“ Eine ihrer schwierigsten Übungen ist, dass sie bei vielen Dingen auf die Hilfe anderer angewiesen ist: „Das musste ich richtig lernen, da ich früher völlig unabhängig war und immer alles selbst gemacht habe.“

Aber die einst so quirlige Komikerin mit der schnellen Klappe lässt sich nicht unterkriegen – ein wenig zynisch bezeichnet sie ihren Schlaganfall als eine gute Übung fürs Alter: „Mir fällt auf, dass manche Leute meinen, sie müssten heute besonders laut und langsam mit mir reden, so als wäre ich ein wenig gaga. Dann haue ich mir immer aufs Knie und sage, ich hab’s hier und nicht im Kopf“, sagt sie und lacht. Vieles hat der Schlaganfall Gaby Köster genommen – der unverwechselbare Humor ist geblieben. „Ich habe vor kurzem ein arabisches Sprichwort gelesen: Geduld und Humor sind zwei Kamele, mit denen man durch jede Wüste kommt“, erzählt sie. „Das finde ich sehr treffend, denn so schlimm auch alles ist, man muss auch mal über sich selber lachen können, und man darf sich nie aufgeben, weil aufgeben ist zu einfach.“

Kapitulieren kommt für Gaby Köster, die selbst in den harten Phasen selten Zweifel oder Verbitterung verspürt, nicht in Frage. „Ich sage mir immer wieder, es gibt keine Niederlagen, es gibt nur Herausforderungen“, erklärt sie mit Nachdruck. „Natürlich überlege ich auch manchmal, lieber Gott, wie geht es jetzt weiter, aber dann vertraue ich auf mich und ich weiß, irgendwie wird es weitergehen, ist es schließlich immer. Zu beklagen, was alles nicht geht, das bringt mich nicht weiter, das ist Quatsch.“

Rente mit 50 ist kein Thema
Und so bedauert sie auch nicht, dass die Karriere erst mal auf Eis liegt: „Dass es so wie es vorher war, wahrscheinlich nie mehr sein wird, war mir schnell klar, aber ich kann und will mit 50 einfach noch nicht in Rente gehen.“

Mit großer Gelassenheit geht die Mutter eines fast erwachsenen Sohnes die Dinge heute an: „Ich überlege innerhalb der Möglichkeiten, die ich habe, sehr genau was ich machen kann. Das ist so, als ob man mit wenig Geld in den Supermarkt geht, da schaut man ja auch ganz genau, was ist noch drin, was kann ich mir leisten und was leider nicht.“ Ein ganz neuer beruflicher Weg war für die preisgekrönte Komikerin allerdings nie ein Thema: „Es geht mir nicht ums Berühmtsein, aber viele Menschen mögen das, was ich bisher gemacht habe – da kann ich doch nicht plötzlich zum Elektriker umschulen“, erklärt sie augenzwinkernd und ist sich sicher, dass da draußen noch viele spannende Möglichkeiten auf sie warten. „Man darf einfach nie die Hoffnung verlieren“, bringt sie es auf den Punkt. „Ich weiß, das hört sich total abgedroschen an, aber es ist tatsächlich so. Mein linker Arm funktioniert zwar immer noch nicht, aber manchmal träume ich, es kommt einer vorbei und plötzlich schnellt der Arm hoch und winkt. Alles ist möglich.“

Nach Olympia die Paralympics

Die Olympischen Spiele 2012 in London sind in vollem Gange, die Paralympics, also die Olympiade für Sportler mit körperlicher und geistiger Behinderung, finden in knapp vier Wochen am selben Ort statt. Steffi Nerius, Rehabilitationswissenschaftlerin und Weltmeisterin im Speerwerfen, spricht mit 2.Chance über Erwartungen und Motivationen.

Steffi Nerius
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Sie selber haben an Olympia teilgenommen, nun bereiten Sie körperlich behinderte Leichtathleten auf die Paralympics vor. Wie kam es dazu?
Ich arbeite schon seit 2002 im Behindertensport, habe Sport- und Rehabilitationswissenschaften studiert und hatte zunächst vor, nach der aktiven Sportlerkarriere einen Job abseits des Sports auszuüben – ohne Wochenendeinsätze, mit geregelten Arbeitszeiten und ohne den absoluten Leistungsdruck. Mir wurde aber in der Praxis schnell klar, dass mir gerade dieser Druck fehlte. In den normalen Reha-Einrichtungen wollen die Patienten in der Regel wieder am Alltag teilhaben können, keine Weltrekorde laufen. Immer wenn ich dann doch mal ein paar Sportler betreut habe, loderte die alte Flamme wieder auf. Als die Stelle beim TSV Bayer 04 Leverkusen frei wurde, dachte ich, dass diese mich vielleicht erfüllen könnte. Ich habe mich beworben, den Job bekommen und kann heute sagen: Das tut er wirklich.

Sie bereiten aktuell 5 Leichtathleten auf die Paralympics 2012 in London vor. Bleibt da noch Zeit, um Olympia zu genießen?
Im Moment bereite ich noch die Trainingspläne für die heiße Phase unmittelbar vor den Wettkämpfen vor, dementsprechend konnte ich gerade im Büro des Arbeitskollegen den Ruder-Achter bei seinem Olympiasieg bejubeln. Im großen und ganzen bleiben mir aber, wie den meisten Arbeitnehmern, vor allen Dingen die Abendstunden, um Olympia zu sehen. Da allerdings auch nur die Finals, ich bin nicht der Typ, der sich jede Qualifikationsrunde ansehen muss.

Wie sehen Sie die Chancen der deutschen Leichtathleten bei den Paralympics in vier Wochen?
Grundsätzlich weiß ich, dass unsere Sportler aus Leverkusen gut drauf sind. Sie trainieren sehr gut und wenn sie das Niveau halten, dann werden sie ihre Saisonbestleistungen schaffen. Ob das auch für Medaillen reichen wird, wird sich dann zeigen.

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